Kaltblütig

17.01.2007 Misc #Literature

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Vor einer Woche habe ich Truman Capotes "Kaltblütig" fertig gelesen. Ein großes Buch über einen brutalen Mord an einer Familie, der aus anscheinend völlig trivialen Motiven geschieht.

Dieses Buch ist deshalb so großartig, weil Capote jeden noch so kleine Nebenhandlungs-Strang aufnimmt und kompletto ausleuchtet. Man erfährt die Lebensgeschichte der Mörder und ihrer Opfer bis ins kleinste Detail, Capote erzählt auch die Geschichten von Mithäftlingen der Mörder oder Nachbarn der Opfer. Am Ende ergibt sich ein dichtes, komplettes Bild einer verhängnisvollen Tat, bei der nur eines fehlt, und das mit Absicht: ein Grund. Ein Grund, der es wert wäre, eine komplette Familie kaltblütig zu ermorden.

Schaut man in diesen Tagen nach Tessin, dann möchte man die Vorkommnisse dort gerne in ein Buch verfrachten, mit dem Wort "Kaltblütig" betiteln und das ganze möglichst schnell im Bücherschrank vergessen. Alle Erklärungsmodelle brechen dort weg. Diese Kids sind weder ungebildet, perspektivlos noch gemobbte Außenseiter. Und, oh Schreck, Killerspiele haben sie auch nicht gespielt, sondern Final Fantasy. Den Computerclub haben sie geleitet. Freiwillig.

Vielleicht hat Truman Capote aus diesem fehlenden Grund nach "Kaltblütig" nichts mehr Großes geschrieben. Weil er gesehen hat, dass furchtbarste Gewalt nicht immer einen Grund braucht. Weil er dem Teufel mitten ins Herz gesehen hat und dort nur gähnende Leere vorfand.