Das ABBA-Trauma und der Supabba

Gepostet vor 9 Jahren, 10 Monaten in Misc Music Share: Twitter Facebook Mail

Ich habe ein ernsthaftes Problem mit ABBA. Die gehen gar nicht, obwohl jeder, der ein kleines bißchen Ahnung hat von Popmusik, bestätigen wird, dass diese Band großartige Songs geschrieben hat, die um die Welt gingen und deren Interpreten zurecht auf der ganzen Welt mit Lob und Geld überhäuft wurden. Und bis zu meinem 17. Lebensjahr war mit das auch völlig schnuppe. Egal. Es gab nichts, was mir noch weiter entfernt an meinem Allerwertesten vorbeigehuscht wäre. Ich konnte auf Parties, wenn der Super Trooper aus den Boxen schallte, immer noch lachend mein Bier in genau der Hand halte, die heute bei der kleinsten bekannten ABBA-Tonfolge zu zittern anfängt wie die eines Alkoholikers am Montagmorgen. Meine Lippen zu Schlitzen gepresst, meine Augen schreckgeweitet strömt mir der Angstschweiß aus allen Poren, bekleckert mein Shirt, die Bierflasche rutscht aus meinen nassen Händen und zerschellt am Boden neben den nervös scharrenden Turnschuhen in tausende Scherben aus braunem Glas.

Und das kam so:

Es begab sich also im Jahre 1991, dass dem allseits beliebten René die Herbstferien ins Haus standen und da man als 17jähriger Gymnasiast notorisch unter Geldmangel leidet, suchte er sich einen Job und fand den in einer Supermarktkette, die Jahre später von einem amerikanischen Unternehmen mit zweifelhaftem Ruf aufgekauft wurde, nur um zu erkennen, dass die Dinge in Deutschland anders ticken als in Amerika, wo man Apfelscheiben in heißen Schmelzkäse tunkt. Ich hatte schon vorher in Supermärkten gejobbt, bei Inventuren oder auch als Einkäufer für eine Abteilung, war also auf alles gefasst, was da kommen sollte. Doch nicht auf die Qual und Pein, die ich dort zwischen Kassen und Kunden erleiden sollte.

Als ich am ersten Tag pünktlich meine Aushilfsstelle antrat, verpasste man mir zunächst den blauen Kittel samt Namensschild, auf dem schlicht „Walter“ stand. Meinen Spitznamen hatte ich für das nächste halbe Jahr weg, ich war von da an der „Wertkauf-Walter“, eine meiner Meinung nach ungeschickte und viel zu holprige Formulierung für einen Spitznamen. Aber was will man machen, denn 1.) man kann sich seine Freunde nicht aussuchen und 2.) stand es ja so auf dem Schild schwarz auf weiß geschrieben. Was will man machen. Viel größer die Freude meinerseits, als der Marktleiter mir eröffnete, was mein Job sein sollte in den anstehenden zwei Wochen: ich sollte im Ausgangsbereich des Marktes Videos und CDs verkaufen. Musik! Filme! Mein Leben! Ich rieb mir die Hände in der Vorstellung von René als hauseigenem Supa-Deejay, der sich der Groupies Kundinnen kaum erwehren konnte und als sich Bonus für seine Verdienste einhundert CDs aus dem Komplettangebot aussuchen durfte. Aber es kam alles ganz anders.

Zunächst baute ich also den Stand auf, ein CD-Regal, bestückt mit Samplern und Best-Ofs, fuhr ich mit einem Hubwagen zum dem Ort, an dem ich mir in den nächsten zwei Wochen die Beine in den Bauch stellen sollte. Hiernach noch ein Regal gefüllt mit Zeichentrick- und billigen Musik-Videos. Die Auswahl entsprach also schonmal nicht meinem damals schon immensen Anspruch an Film- und Musik-Qualität, aber ich dachte mir: „René, jeder fängt mal klein an!“

Als der Stand aufgebaut und sogar mit einem Stuhl in der Ecke versehen war („Aber nicht dauernd rumsitzen, Junge! Sonst verkaufen wir nix! Ich kontrollier das!“), holte Mr. Marktleiter einen tragbaren Fernseher mit integriertem Videoteil, damals eine hochmoderne Medienkovergenzmaschine - heute würde man Video-iPod dazu sagen -, packte eine Kassette aus („Den Rest musst Du verkaufen“), auf der ich, ihr werdet es ahnen, „ABBA Gold - Greatest Hits“ lesen konnte. Er schob die Kassette in den Player, drückte auf Play und erklärte mir zu „Waterloo“ die Funktionen der Kasse.

„Wenn Du Fragen hast, frag einfach die Anna“ sagte er und zeigte auf eine Kassiererin um die Vierzig, ein Alter, das mir damals so alt vorkam, wie das der uralten Morla aus der unendlichen Geschichte. Sie war dennoch sehr nett und erklärte mir jeden Abend die Endabrechnung an jeden Tag dieser zwei Wochen, und am Ende hatte ich sie wirklich ins Herz geschlossen, im Gegensatz zu Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad, Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die bei ihrem Bandnamen so kreativ waren, eine Abkürzung aus ihren Vornamen zu bilden. Man möge mir verzeihen, aber was nun folgte, machte mich ABBA-technisch tatsächlich fertig.

Nach meinem ersten Tag mit circa 5 Stunden Beschallung durch Abbas 19 größte Hits träumte ich, ich sei Benny und säße am Klavier und begleite zwei schwedische Schönheiten beim Vortrag von „Mama Mia“. Nach zwei Tagen und 13 Stunden ABBA-Folter, bat ich Mr. Marktleiter doch bitte ein weiteres Tape auszupacken, der Abwechslung willen. „Nix, wir müssen ja auch was verkaufen, oder? Und ABBA sind doch toll, was haste denn�“ war seine äußerst unbefriedigende Antwort. Nach fünf Tagen mit insgesamt 37 Stunden ABBA-Vertonung war ich dem Wahnsinn nahe und überlegte ernsthaft, den Job wegen eines Videotapes in Endlosschleife hinzuschmeißen. Doch ich überwand meinen inneren Schweinehund und hielt durch, volle 10 Arbeitstage mit 77 Stunden intensiven Studiums des ABBAschen Popvermächtnisses für ganze 1600 Mark. Wenn ich heute also sage: „Ich HASSE ABBA!“, dann weiß ich verdammt nochmal ganz genau, wovon ich rede, denn niemand auf diesem verfluchten Planeten hat sich so intensiv mit der Musik dieser Band auseinandergesetzt wie ich in diesen zwei Wochen.

Ich sah Sterne bei den Klängen von „Waterloo“, ich kotzte innerlich im Rythmus von „Knowing Me, Knowing You“ Bäche in meine musikalische Sensibilität und das „Supapa Supapa“ aus „Super Trooper“ verfolgt mich noch heute. Aber wisst Ihr was? Ich habe meinen Frieden gemacht mit den schwedischen Harmonie-Superfrisuren, deshalb traue ich mich auch, ein Video von ABBA hier reinzuklatschen und träume heute nacht sicherlich wieder von Agnetha.


(Youtube Direktba)

Tags: BON Storys

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