Stell' Dir vor...

Stell Dir mal vor, Du wärst ganz unten. Also richtig weit unten. So weit unten, dass Du allgemein nur "Der Problemfall" genannt wirst. Oder "asozial" vom Rest der Gesellschaft. Dann stell Dir vor, Deine Frau stirbt Dir weg, als ob Du noch nicht genug Probleme hättest. Oder Dein Mann haut ab, macht die Fliege, weil Du nur säufst und säufst und säufst, weil Du noch nicht genug Probleme hast. Und dann dieses Balg... es schreit und schreit, aber irgendwann nicht mehr, doch Du hörst die Stille nicht, weil Du noch weiter unten bist, auf einem Turn mit der Spritze, auf einer Sause mit Sprit.

Stell Dir vor, Du hast einen Job, draußen auf der Straße, vor'm Bahnhof, bei den Leuten ganz unten. Stell Dir vor, Du weißt von all dem, Du weißt von der Spritze, dem Sprit und dem Balg. Du bist öfter da, Du redest mit denen, den "Problemfällen", den "Asozialen", die ausgegrenzt und krank und allein mit ihrer Existenz ringen. Du weist, das Kind muss da weg, doch Paragrafen verbieten es Dir, verbieten Dir, Deinen Job zu machen. Richtig zu machen.

Stell Dir vor, Anzüge mit Menschen darin erzählen Deinen Chefs von Wirtschaftlichkeit und Effizienz in Ämtern, stell Dir vor, sie wollen sparen. Sie sparen indem sie Dich einschließen, in Büros mit Rechnern und Excel-Tabellen, vorbei mit der Straße, den Spritzen und dem Sprit. Vorbei mit ganz unten, vorbei mit dem Reden, vorbei mit dem Balg.

Stell Dir vor, Du wachst auf und musst lesen, daß es passiert ist. Und dann nocheinmal, nur ein paar Tage später. [Nachtrag] Und dann nochmal, noch ein paar Tage später.[Nachtrag Ende] Stell Dir vor, das Kind ist tot, das Du kanntest und nicht mehr besuchen durftest. Wegen Sparmaßnahmen, Wirtschaftlichkeit und Effizienz. Gestorben für Geld. Empfohlen von Anzügen mit Menschen darin.

Stell Dir vor, es passiert. Jetzt grade eben. In Deiner Nachbarschaft.

Was würdest Du tun?