Taxigeschichten (I): Die betrunkene Frau im Fond

Gepostet vor 10 Jahren, 3 Monaten in Misc Share: Twitter Facebook Mail

"Die 9, bitte kommen"
"Hier die 9: Yupp, was gibt's?"
"9: Fahr mal nach Erfelden, in den tierischen Erker, da will eine Frau in den Ort gefahren werden."
"Wo ist der denn? Der tierische Erker? Das hab ich noch nie gehört, was soll das sein?"
"Das ist 'ne Kneipe draußen am Baggersee, da hinten am Geflügelverein."
"Aha, soso, Geflügelverein."
"Genau. Is ne 10er Paula-Fahrt"
"Aha. Dann fahr ich da jetzt mal hin."
"Jo."

Also fuhr ich da mal hin und da hieß in diesem Falle eine "Kneipe" in einer verkommenen Hütte, behangen mit Fischernetzen an einem See irgendwo hinter dem Kühkopf, einem Naturschutzgebiet, das durch einen Arm des Althreins von der Ortschaft getrennt vor sich hin wuchs. Die "Kneipe" war ein verranztes Drecksloch mit 3 verkommenen Bänken mit Stühlen vor der Tür, wo ein paar nicht sehr sympatisch dreinblickende Männer hockten und Schnaps und Bier in sich reinschütteten.

"Taxi?" fragte ich und der eine deutete auf die Tür.
"Da drin!"
"Alles klar, danke!" sagte ich und lief zur Tür. Drin war es auch nicht besser als draußen, nur finsterer. Hinter einer winzigen Theke stand ein Wirt und rief: "Sind Sie des Taxi?"
"Genau..."
"Da, die da will heim!" sagte er, wedelte mit einem Zehnmarkschein und zeigte auf eine Frau, die in der Ecke saß und ihren Kopf auf den linken Arm gestützt hatte, während der rechte nichtzutuend unter der Tisch baumelte.
"Jaaa, will heim..." krächzte die Frau, die ich auf circa 45 Jahre schätzte und die anscheinend ziemlich derbe gesoffen hatte. Es war 15.37 oder sowas, jedenfalls war es eher Mittag als Nachmittag und das fand ich damals schon ziemlich daneben aber als Taxifahrer kennt man das. Ich fuhr Weinflaschen zu Alkoholikern und Alkoholiker zur Tankstelle, um dort eine Flasche Wodka zu kaufen. Alkoholiker sind sowieso sehr gute Taxikunden, weil die meisten wohl ihren Führerschein versoffen haben. Aber ich schweife ab.

Die Alte wollte also heim, gutgut, ist ja mein Job dachte ich, drehte mich um mit den Worten: "Okay dann, fahren wir!"
"Momeeeent!" krächzte es hinter mir...
"Ich muss noch austrinken..."
In solchen Momenten hilft dann ein Trick.
"Ok, dann geh ich schonmal vor und mach die Uhr an."
"Du bist mir ja ein ganz Schlauer, was? Willste mich ausnehmen oder wie?"
"Nee Nee, aber wenn das hier länger dauert, muss ich doch die Uhr anmachen! Vorschriften sind Vorschriften!" was natürlich völliger Blödsinn war, aber ich wollte weg aus diesem Rattenloch, das kann man jawohl mal verstehen.
"Na gut, ich komm!" sagte die Alte und stand auf, wankte zweimal nach links und nach rechts und schlug dann den Weg nach draußen ein. Bevor sie endgültig auf die Fresse fiel, krallte ich die Frau unter dem linken Arm und brachte sie ans Auto.
"Nicht darein!"
"Was?"
"Nicht darein! Ich will nach hinten! Auf der anderen Seite! Darein!"
"Hä?"
"Mach schon! Und was tatschst Du mich denn die ganze Zeit an?" sagte sie und da ließ ich die Tante besser mal los, man weiß ja nie was die immer wollen. Da lehnte sie erstmal am Taxi vor sich hin und wankte schließlich auf die Fahrerseite. Ich öffnete Ihr die Tür während sie wieder gefährlich schwankend drohte, sich auf den Hintern zu setzen. Also packte ich die Dame unter dem Arm und wollte sie auf die Rückbank befördern.
"Was tatschst Du mich denn die ganze Zeit an? Hä? Ich zeig Dich an!"
Die Alte ging mir so langsam aber sicher auf den Keks. Eigentlich nicht langsam. Eigentlich war mir die Frau schon in der Kneipe furchtbar auf den Zeiger gegangen, aber das ist eben der Job, da fährt man auch mal Arschlöcher durch die Gegend und diese Frau war ein ganz großes, furchtbar betrunkenes und ganz und gar verkommenes Exemplar der Gattung "Arschloch". Aber was will man machen? Taxifahrer fragen nicht, Taxifahrer fahren.
Schließlich fiel die Frau ins Taxi. Und zwar genau so, dass die Füße gegen die Heckscheibe drückten, der Hintern im Fußraum schwebte und der Kopf und Rücken der Frau gegen den Fahrersitz gelehnt waren. Das muss man sich mal vorstellen! Ich betrachtete dieses Ergebnis als grandiose Leistung der Einstiegskunst! Das muss man auch erstmal schaffen, dass man sich verkehrtherum auf die Rückbank setzt.
"Gute Frau, Sie sitzen verkehrt herum!"
"Was?"
"Sie sitzen verkehrt herum!"
"Jetz fahr mich heim, Du Idiot, Du willst mich ja auch nur ausnehmen und antatschen! Ich zeig Dich an!"
"Aber Sie..." setzte ich an und brach ab. Das hat ja alles keinen Sinn dachte ich mir, dass man da jetzt weitermacht, ich verplemper hier ja nur meine Zeit, das ganze hätte schon 3mal erledigt sein können und jetzt steht man hier und verplempert seine Zeit, das muss ja auch nicht sein, dachte ich.
Also schloß ich die Tür, stieg vorne ein und fuhr los. Die Zehnmark vom Wirt hatte ich eingesteckt.

Als wir schließlich im Kaff angekommen wahren, die Fahrt dahin verlief schweigend, nur das Radio sabbelte seinen Stuss vor sich hin, krächzte die Alte: "Lass mich hier raus!"
"Aber wir sind doch noch gar nicht da?!"
"Lass mich hier raus! Ich zeig Dich an!"

Also hielt ich, stieg aus, machte die Tür auf und die Alte fiel auf die Straße und kroch auf allen vieren davon und brabbelte vor sich hin: "Du willst mich nur ausnehmen, Du Idiot! Ich zeig Dich an! Ihr seid doch alle bescheuert!" und so weiter, ich aber lachte ganz laut in mich hinein und beobachtete im Rückspiegel die Alte - immer noch auf allen Vieren -, wie sie in eine Seitenstraße kroch und habe sie oder die Kneipe seitdem nie wieder gesehen.

Auf dem Land, da gibt's schon komische Typen, dass kann ich Euch sagen.

(In Teil 2 erfahren Sie von Oralverkehr auf der Rückbank, geholfenen Nutten und falschem Gras)

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