Langfinger

29.06.2006 Misc #Storys

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Ich haltet mich wohl alle für ne knorke Type, wa? Ihr habt keine Ahnung, mit wem Ihr es zu tun habt, glaubt mir.

Meine Langfingerlaufbahn begann in meinem vierten Lebensjahr. Genau kann ich mich selbstverständlich nicht mehr erinnern, weiß aber noch: ich war mit meiner Mutter beim Einkaufen in diesem Supermarkt, der damals noch Wertkauf hieß. Und ich weiß nicht mehr wie, verlor aber meine Mama, fand dafür aber lustige, bunte Pflaster mit Tieren darauf. Ich griff mir eine Packung und spazierte munter auf den Ausgang zu, ohne Mama, aber mit Pflastern. Meine Mutter hatte inzwischen schon die GSG9 verstündigt, Lautsprecherdurchsagen hallten durch den Markt und Angestellte suchten mit fiebernder Hast nach einen kleinen Jungen. Hätten sie gewusst, dass dieser sie soeben um eine Packung Kinderpflaster erleichtert hatte, wer weiß, wie hektisch sie dann noch gewesen wären. Aber die Packung ruhte gut verstaut hinter dem Latz meiner Latzhose und war sicher aufgehoben. Ich jedenfalls marschierte munter an den Kassen vorbei und wurde auch sogleich von meiner Mutter entdeckt, die am Informationsstand aufgeregt mit der Informationsstandangestellten diskutiert hatte und diese unter Augenrollen eine weitere, für mich etwas kryptische Botschaft durch die Gänge schallen ließ: "Gesucht wird der kleine René, er ist circa einmeterzehn groß, trägt eine blaue Latzhose und einen grünen Pullover. Er hat hellblonde Haare. Wenn sie den kleinen René finden, seine Mutter wartet auf ihn an der Information. Danke!"

Erleichtert und auch ein wenig sauer sagte meine Mutter etwas von wegrennen und suchen und Sorgen, nur war mir das relativ Schnuppe, denn ich hatte ja die Tierpflaster, die ich im Auto dann auch stolz herzeigte. Sie fand das nicht so toll und wurde noch ein wenig sauerer, denn schließlich war ich ihr vor 20 Minuten abgehauen und hatte dann auch noch die Diebeslaufbahn eingeschlagen. Alles Entwicklungen, die sie wirklich nicht gutheißen konnte. Tun konnte sie dagegen leider nichts.

"berspringen wir ein paar Jahre. Mit elf nahmen wir systematisch einen Schreibwarenladen aus, als wir, Joe und ich, abends durch Zufall den Ort entdeckten, an dem der Zeitschriftenlieferant seine Ware vermeintlich sicher deponierte, in der Mülltonne vor dem Laden nämlich. Früh morgens also, wenn wir gemeinsam zum Schulbus gingen, machten wir immer einen Abstecher zur Mülltonne. Schnell fanden wir heraus, dass die für uns relevanten Zeitschriften (Bravo, Yps, Batman, Superman und John Sinclair für mich, Bravo und der Kicker für Joe) immer dienstags und donnerstags abends angeliefert wurden, so dass wir einfach am Mittwoch und am Freitag morgens unseren kompletten Zeitschriften- und Comic-Bedarf umsonst decken konnten. Wir machten das, glaube ich, drei Wochen lang. In der vierten steckte - wir waren eben dabei, die Folie, in der die Periodika eingeschweißt war, aufzureißen - eine sehr wütende und grauhaarige Ladenbesitzerin ihren Kopf aus dem Fenster direkt über uns und schimpfte und zeterte und wir nahmen die Beine in die Hand und rannten, als ginge es um unser Leben.

Einige Jahre zogen ins Land, die Weichen waren gestellt, mit dem Gesetz nahm ich es nicht besonders genau, als ich einen C64 bekam und kräftig Disketten swappte. Die Postdame wunderte sich nicht schlecht, warum ich diese Unmengen an 5 Pfennig-Briefmarken benötigte, sie konnte ja nicht wissen, dass die meisten Briefe auch abgestempelt werden, wenn nur 5-Pfennig-Briefmarken darauf klebten, da es die Postbeamten mit dem Hinsehen nicht besonders genau nahmen. Und so verschickte ich in der Woche ungefähr 200 Briefe mit den neuesten Cracks und Demos, bekam am Tag ungefähr 5 Päckchen von anderen Swappern - alle an eine anonyme Postlagerkarte geschicht -, landete der Sage nach auf einer internen Fahndungsliste der Polizei und hatte "Contacts" in ganz Europa.

Dann wurde es ernst, sogar gefährlich. Wir waren jetzt 15 und keine Kinder mehr. Wir gingen die Sache methodisch an und Jens hatte Joe mittlerweile als besten Kumpel abgelöst und Jens war, nun ja, etwas krasser drauf als Joe oder auch ich. Zunächst im Supermarkt Bier und Apfelkorn mitgehen lassen, kein Thema. Dann in den HiFi-Laden. Ich lasse mir ein Diktiergerät aus einer Vitrine zeigen, während Jens ein anderes in seiner Manteltasche verschwinden läßt. Ich bedanke mich für die Vorführung, muss aber noch über einen Kauf nachdenken. Gemächlich schlendern wir aus dem Laden und rennen durch die Innenstadt, als wir einen vermeintlichen Verfolger ausmachen. Den gab es allerdings nur in unserer Phantasie. Paranoid kann man das auch nennen. Nach diesem Erlebnis habe ich nie wieder in dieser Form geklaut, dafür aber in einer anderen.

Zwei Jahre später hat Stefan Jens als besten Kumpel abgelöst und er besorgt mir den allerbesten Ferienjob, den man sich überhaupt vorstellen kann: Eis- und Getränkeverkäufer am lokalen Badestrand. Die Mädels kennen und schätzen dich und glaubt mir, Leeheimer Mädchen gehören zu den blondesten auf der ganzen Welt. Man macht mit den Leuten vom angeschlossenen Campingplatz Lagerfeuer und geht nachts nackt baden. Das Paradies. Die Motte in diesem Paradies war der Besitzer der Kioske in denen wir arbeiteten, ein alter Nazi und ein Riesenarschloch. Das war die Sorte Mensch, die Dir grinsend ein Bier verkauft, sich danach zu uns umdreht und mit einem Zwinkern "Scheißkanak" flüstert. Man muss wissen, der Mann hatte insgesamt drei Buden dort stehen, an einem See, der ein enormes Einzugsgebiet hat. Zum Riedsee fahren die Leute sogar von Mainz bis Frankfurt, kein Scheiß. Wenn da mal 3000 Leute am Strand rumliegen und jeder, sagen wir mal, 10 Mark ausgab, dann gingen dort täglich 30000 Mark durch die Kassen von einem widerlichen, alten, rassistischen Arschloch. Dreimal dürft Ihr raten, wie groß unsere Skrupel waren, als wir unseren täglichen Hunderter aus der Kasse nahmen.

Und hier endet meine Langfinger-Story, hab ich seit damals nochmal etwas geklaut? Ich glaube nicht, ich bin satt, seitdem bleibe ich unauffällig. Aber überprüft mal lieber Eure Taschen.