Berufsjugendlich

28.06.2006 Misc #BON #Storys

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Als ich heute morgen aus einem traumlosen Schlaf erwachte, stellte ich fest, dass ich mich in genau so einen Menschen verwandelt hatte, der mir schon als Jugendlicher seltsam und unheimlich vorgekommen war. Es war die Sorte Mensch, die noch mit 32 Jahren umgedrehte Baseballmützen, weite Hosen und labberige T-Shirts mit Sneakern trug, dabei aber die unverkennbaren Merkmale einer vollendeten Erwachsenheit mit sich führte: ein erkennbarer Bauch, erste Fältchen um die Augen und eine nicht mehr straffe, sondern leicht gegerbte Haut zeigen unmißverständlich an, dass man der Jugendphase unwiederruflich entwachsen ist. Diese Sorte Mensch war mir schon immer genau deshalb unheimlich, weil sie versucht, die Zeit an- und festzuhalten und auf der Zeitachse so abzubiegen, dass man um die besten Jahre des lebens einen ständigen Kreis fährt, was nur leider mit der Realität soviel zu tun hat wie Marmorkuchen bei Muttern mit den Dienstbestimmungen fränkischer Finanzbeamter.

Nun ist das in meinem Falle ja äußerst schizophren. Genau dieser Jugendliche in mir, den ich, schon aus beruflichen Gründen, festzuhalten versuche, genau dieser Rotzlöffel wendet sich nun gegen mich. Dazu muss man wissen, dass sich mein infantiles Verhalten sich nicht nur auf die Kleidungsauswahl beschränkt. Leidenschaftlich kaufe und tausche ich Sammelbilder und klebe diese in dazugehörige Alben, hin und wieder höre ich alte Hörspiele, Jan Tenner oder die drei Fragezeichen. Ich pappe bunte Graffiti-Sticker auf mein Powerbook und erwerbe hin und wieder das ein oder andere Comic. Diese Vorlieben nehmen selbstverständlich durch die bloße Erkenntnis des eigenen Infantilismus kein Ende, nein. Erst gestern tauschte ich den Desktophintergrund meines Laptops (Der unglaubilche Hulk) gegen den Iron Man aus, eine Comicfigur, die 2008 übrigens mit einer Verfilmung in die Kinos kommt.

Vielleicht, nein, ganz sicher hat diese erwachsene Jugendlichkeit mit der fehlenden Last der Verantwortung zu tun. Ohne Kinder und ohne feste Beziehung kann ich es mir leisten, mein Alter unter bunten Bildern und lauter Musik zu begraben. Nur manchmal, so wie heute morgen, blitzt es unter dem Haufen hervor und hält einem den Spiegel ins Gesicht und man erschrickt ob der Ernüchterung, die sich ab dann in einem selbst breit macht.

Nun hat man in einer solchen Situation nicht allzu viele Optionen. Tatsächlich sind es nur zwei.

Einerseits könnte man dem Jugendlichen in sich nachgeben und endlich erwachsen werden und damit beginnen, den Kleiderschrank methodisch auszumisten und die Klamotten durch angemessene Kleidung ersetzen. Die Band-Tshirts durch Polohemden, die Baggy-Pants durch anständige, also nicht vorgewaschene Jeans und ein paar Stoffhosen, die Kapuzenpullis durch Rollkragenpollover und so weiter. Einen Anzug mitsamt Hemden könnte man sich dann auch gleich anschaffen, für die besonderen Anlässe. Die Comicsammlung und die meisten Platten vertickte man für einen stolzen Preis auf Ebay, die Xbox ebenso, nur um erstaunt festzustellen, das die Comics einen weitaus höheren Preis erzielen als die Xbox mit den 50 Spielen. Man müsste auch die Baseball-Mütze mindestens umdrehen, lieber noch in den Schrank zur Freizeit-Kleidung verbannen, und dann könnte man zum Friseur gehen und sich einen anständigen Haarschnitt leisten. Und die Sneakers würden schwarzen Lederschuhen weichen, vielleicht sogar welchen mit Absätzen.

Andererseits könnte man den Jugendlichen ganz einfach ignorieren, weiterhin Sandalen zu einem abgefuckten Jacket tragen und man müsste nicht zwingend zum Friseur, sobald sich die Haare hinter den Ohren kringeln. Weiterhin könnte man dann laute Musik hören, in Comics lesen und hin und wieder stundenlange Shootersessions auf der Konsole spielen. Die labberigen T-Shirts kaschierten weiterhin die Plauze und die Baseballmütze säße wieder herumgedreht auf meinem Schädel. "Wenn ich diese Mütze umdrehe, dann ist das, wie wenn ich meinen Truck anwerfe." Man könnte weiterhin infantile Superheldenfilme anschauen und Autorenfilme könnte man weiterhin aus gutem Grund als langweilige, schwarzweiße Scheiße abtun.

Wie auch man sich in einer solchen Situation entscheidet, man wird dem Jugendlichen in einem immer einen Verrat antun. Gibt man ihm nach und spielt den Erwachsenen ist es letztlich nur eine infantile Imitation, der 16jährige im Herzen ist freilich noch da und heimlich wird man immer noch Comics auf dem Klo lesen. Ignoriert man jedoch des Teenagers Unwohlsein bei dem Blick in den Spiegel, dann verleugnet man weiterhin die Realität 32 gelebter Jahre. Denn tatsächlich findet man mittlerweile Autorenfilme gar nicht so übel und auch Jazz hat schon in der ein oder anderen Situation den Gehörgängen geschmeichelt.

Was ich aber nie zugeben würde. Schließlich bin ich doch erst 32.