Damals, im Taxi...

05.06.2006 Misc #Radio #Rock

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Damals erlebte ich ja auch so ein paar Dinger, Mannmannmann. Wundert mich schon ein bißchen, dass ich diese Ära hier bisher fast völlig außen vor ließ, war es doch damals eine gute Zeit, ich hatte viel Geld - weil ich ja zwei Jobs machte, Ausbildung zum Schriftsetzer unter der Woche und Taxifahren an den Wochenenden - und besaß auch noch meinen Führerschein (irgendwie logisch wenn man ein Taxi fährt), hatte noch nichtmal den Ansatz einer Plauze und die 30 waren noch 5 Jahre entfernt. Beste Vorraussetzungen also für ein Leben in Saus und Braus.

Im Taxi wurde ich zum Rocker. Damals muss man wissen, steckte ich noch ganz tief drin im Techno, nur besaßen die Taxis keine funktionierenden Tapedecks, wohl auch ein Grund, weshalb das Unternehmen heute pleite ist und auf dem Hof, auf dem die Autos standen, heute das Unkraut spriest während die ehemalige Zentrale gleich am Bahnhof Goddelau verrammelt vergammelt. Wie auch immer, im Taxi wurde ich also Rocker, denn abgesehen von der HR3-Clubnight spielt Radio in unserer Gegend ein allgemein unhörbares Programm, nämlich nur die Hits der 70er, 80er und das Beste von heute. Ihr wisst schon.

Der einzige Radiosender, den man ertragen konnte, war der Sender AFN, eigens für die stationierten amerikanischen Soldaten eingerichtet. Und die spielten nachts - ich fuhr nur sehr selten tagsüber - die Klassiker. Im Taxi lernte ich also Led Zeppelin, die Beatles, die Kinks, Lynyrd Skynyrd und The Who kennen und schätzen. Wie sehr mich "A Day in the Life" morgens um 7.00 Uhr nach einer 14 Stunden-Schicht bei der Rückfahrt von der letzten Tour weggebeamt hat, kann man sich gar nicht vorstellen. "Lucky Man" von Emerson, Lake and Palmer auf der Autobahn hören, nachdem man einen mutmaßlichen Bankräuber nach Gießen fuhr - wer sonst hat 12000 Mark in bar dabei? -, der einem freundlicherweise ganze 50 Mark Trinkgeld mit auf dem Weg gab, gehört zu den Dingen, die sich sichtbar in meinen Gehirnwindungen eingebrannt haben.

Und deshalb gehören viele dieser ollen Schinken zu meinen absoluten Lieblingssongs. "Werewolves of London", "Baba O'Reilly", "Aqualung"... wer schreibt heute noch solche Songs, die in der Musikgeschichte dastehen wie Säulen, die den Pop auf ihren Schultern tragen? Niemand. Vielleicht sollte man allen angehenden Bands zunächst einen Pflicht-Trip verschreiben, damit sie hinter die Grenzen schauen und den Mahlstrom der Welt sehen können - fühlen können! -, um hernach Songs zu schreiben, die es so nie gab. Die Arctic Monkeys sind übrigens die einzige aktuelle Band, der ich solche Songs zutraue, wenn auch erst nach 2 oder 3 Alben, wenn sie denn solange zusammenbleiben.

Im Taxi wurde ich zum Rocker. Ich hab Leute zum Puff gefahren und vor dem Etablissement versehentlich den Taxialarm ausgelöst, worauf just die Nutten auf die Straße gelaufen kamen. Einem arbeitslosen Säufer klemmte ich mal das Telefon ab, weil er mir 100 Mark schuldete. Ein Typ hat sich im Fond einen blasen lassen. Einer hat mich mit nem Messer bedroht, ein anderer hat bei voller Fahrt aus dem Fenster gekotzt, ohne dass auch nur ein Brückchen kleben blieb. Ich hab auch im Taxi gefickt.

Da fallen noch ne Menge Stories von runter, von der Zeit damals. Ich hab noch einiges zu erzählen. Nur macht mir dieser verdammte eingeklemmte Nerv das Tippen zur Hölle und auch dieser Text entstand in 3 Sitzungen. Aber es geht weiter. Ganz bestimmt. Ob mit oder ohne Taxi.