Heizungsbanger

09.05.2006 Misc #Storys

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Ich ging damals in die achte neunte Klasse auf das Prälat-Diehl-Gymnasium in Groß-Gerau, klingt jetzt schrecklich langweilig, aber in Wirklichkeit haben wir Zigarren geraucht und gekotzt und getrunken und philosophiert, so wie man mit 16 eben philosophiert. Was ist, wenn die Erde nur ein klitzekleines Teilchen in einem Riesenhaufen Weltraumschleim ist, und dieser Weltraumschleim in Wahrheit nur der Heuschnupfenbedingte Ausguß eines absolut mittelmäßigen Superwesens ist? Damit wir solche Fragen gebührlich erörtern konnten, hatten wir uns eingeschrieben in das Projekt "Café", denn so hatten wir die Schlüssel zur Schul-Cafeteria, die mit Sofas und Kissen den idealen Ort zum Blaumachen bot. Wir waren die Jungs und die Mädels aus der 8 9B und wir hatten das zweite Klassenzimmer auf dem Gang, während die Konkurrenz von der 8 9A folglich das erste Zimmer in dieser Reihe besetzte. Und in der 8 9A waren ein paar ziemlich schräge Vögel dabei, das kann ich euch sagen.

Metaller mit langen, fettigen Haaren und schwarzen Bomberjacken, die immerzu headbangten. Im Grunde machten sie in der Pause wirklich nichts anderes. Standen auf dem Gang und bangten. Der eine war der allerschlimmste. Der saß immer mit seinen Chucks und der schwarzen Bomberjacke an der Heizung gelehnt und bangte und bangte und bangte. Selbst die Normalos aus dieser Klasse bangten Head was das Zeug hielt und der Klassenstreber aus der 8A ließ sich nach kurzer Zeit ebenfalls Haare und Bomberjacke wachsen und - bangte!

Wir konnten mit den Metallern aus der 8 9A nur wenig anfangen, denn wir waren eher Popper, nicht ganz so versifft und standen auch nicht auf Bomberjacken, wir von der 8 9B. Ich hatte damals ne schwarze Filzjacke oder sowas an und war eher Waver und Heiko mit seinem Jack-Wolfskin-Outfit sah einfach nur scheiße aus. Mit zwei von den Metallern haben wir später die Schule angesprüht und irgendwann bin ich geflogen und habe an die Metaller oder den Heizungsbanger nicht mehr gedacht. Bis neulich...

Ich sitze zuhause und schaue MTV und da läuft auf einmal ein Lied namens "Peter", also das Lied hieß eigentlich "Wovon lebt eigentlich Peter?" und war ganz passabler deutscher Rock und stammt von einem gewissen Winson... Winson... Winson? Winson?! Winson!

Verdutzt schaute ich in das Gesicht auf der Mattscheibe, addierte lange Haare und eine Heizung und da war er wieder, mit geschlossenen Augen gegen die Heizung gelehnt, den Kopf ständig herumwirbelnd und Fingern, die die Oberschenkel volltrommelten. Der schwarzbebomberte Heizungsbanger hatte es doch tatsächlich auf MTV geschafft. Herzlichen Glückwunsch. Vor zwei Wochen war er dann bei meiner Sarah im Studio und ich war tatsächlich ein wenig eifersüchtig. Er hatte immer noch dieses etwas verkniffene Lachen und die hektische Körpersprache, vielleicht hat Winson zu oft gegen die Heizung gebangt, was weiß ich.

Wo wir grade beim Thema Heizung sind, da fällt mir die Geschichte von dem Typen ein, der den Spruch "Ich k??nnte jetz'n Schnitzel fick'n!" wahr gemacht hat, indem er ein Schnitzel zusammenfaltete und in den Zwischenraum zwischen die Heizungsrippen steckte und... aber ich schweife ab, denn hier ist der ziemlich grandiose Abschluß meiner Winson-Saga: vor so ziemlich genau 10 Tagen nämlich, da saß ich mit Johnny und Tanja in der Berliner "Ankerklause" beim Frühstück und Johnny fragt mich: "Sag' mal, kennst Du eigentlich Winson? Der hat hier mal gearbeitet..."