Die Blogger tragen nicht mehr genügend Hüte

Gepostet vor 10 Jahren, 7 Monaten in Misc Share: Twitter Facebook Mail

Vergangenheit
Ich tippe die ersten Worte für mein Fanzine: "Techno will rule". Gestaltet, wenn man es so nennen will, wird in MS Word auf einem 386. Crackajack heißt das Fanzine und ist eine Erfindung von Chris und mir. Ich kopiere jede Ausgabe auf dem Kopierer der Firma von Hand, lege die 14 DinA4-Blätter übereinander und falze sie in der Mitte, und wiederhole die Prozedur 60 bis 70 mal, eine Heidenangelegenheit, und einige aus dem Haus beschweren sich schon Über den immensen Papierschwund. Doch mein Chef läßt mich gewären, denn er sieht, ich bin kein ITler. Ich bin auf einem anderen Weg, einem publizistischen, einem gestalterischen. Das Fanzine macht großen Spaß und verschlingt die meiste Zeit des Praktikums. Ein Aufwand, der sich mit dem Klick auf einen Buttons nicht vergleichen läßt. Oder doch? Oder doch.

Gegenwart
Chris surft heute (physisch) die Strände des Pazifik ab, wir haben uns beinahe aus den Augen verloren, aber es geht ihm gut und mir auch und ich blogge darüber, was Bloggen für mich bedeutet.

Bloggen bedeutet echtes DTP im Wortsinne, Pubilzität vom Schreibtisch, sich öffentlich machen. Seine Meinung ungefragt ausposaunen, egal ob sie bequem oder unpassend ist und egal für wen oder was. Die Abwesenheit von Menschen und Kontrollinstanzen hilft dabei ungemein. Niemand redet einem ins Wort, niemand liest Korrektur, man ist reduziert auf sich selbst, das Interface und seinen Standpunkt. Mit Klowänden hat das nichts zu tun, auch nicht mit schwarzen Brettern. Bloggen verhält sich eher, wie wöchentliche Gemeindetreffen, in denen alle ihren Standpunkt zu Themen vertreten, die ihnen am Herzen liegen und diesen zur Diskussion stellen. Bloggen ist wie Schulhof, findet Jan, Recht hat er.

Selbstverständlich siebt man, wählt aus, einiges fällt durch das Raster der Political Correctness und vieles wird um der Sau willen durchs Blog getrieben, so what. Was entsteht ist ein Pandemonium menschlicher Denke, ein Kaleidoskop unserer Eindrücke der Welt, der realen und der medialen. Die Vielfalt, die daraus entsteht, ist ganz einfach beeindruckend. Von poetisch hochanspruchsvollen Einträgen bis zu Porno-Blogs findet sich jegliche Wahrnehmung der Welt, die sich auf einmal ganz einfach lesen läßt. Gebündelt im RSS-Reader, der Mensch in der Welt von heute, gesammelt in der Westentasche, bitteschön. Der Jens justiert mit Blogs sein Weltbild, und er tut gut daran.

Bloggen bedeutet eine Rückkehr des öffentlichen Diskurses, nicht mehr vorgetragen von einigen, ausgewählten, konturlosen und bezahlten Kretins in ausgewählten, konturlosen und bezahlten Fernsehshows, sondern von Punks, Goths, Taxifahrern, Feuerwehrleuten, Neocons, Journalisten, Supermarktleitern oder Kiddies, die um eine gefühlte virtuelle Ecke wohnen und bei denen man gerne und oft vorbeischaut, oder die man ganz einfach in Auge behält, um zu lesen, was sie mal wieder für einen Stuß absondern. Man begegnet diesen Menschen auf direktem Wege auf der intellektuellen Ebene und das ist genau das spannende dabei: die Abwesenheit physischer Hindernisse in Form von Geruch oder Gestalt. Man tippt genau in den Kopf des Gegenübers und ist gespannt auf die Reaktion. Schon zu lange bezogen Menschen die scheinbar öffentliche Meinung aus nur einer Quelle, dem Fernsehen, oder dieser anderen auf totem Holz. Es ist an der Zeit, die Darstellung öffentlicher Meinung genau so diffus zu machen, wie sie in Wirklichkeit ist: von rechten Holocaustleugnern bis hin zu linken Verschwörungstheoretikern kann man alles nachlesen, in den Blogs. Denn Bloggen ist Punk, das kannst Du auch.

Bloggen bedeutet nämlich auch, Stellung zu beziehen. Meinung zu haben und zu vertreten. Man schreibt öffentlich auf, wass einem wichtig ist. Nichts ist schlimmer als ein gelöschter Blogeintrag, es sei denn, man erklärt das später und macht sich so wiederum transparent. Der gläserne Mensch, vor dem wir vor einigen Jahren angsterfüllt zurückwichen, ist längst Realität. Amazon muss nur meine Blogeinträge scannen und sie wissen ganz genau, welche Bücher und welche Musik sie mir verkaufen können, was solls: Ich kaufe meine Bücher im Buchhandel und habe Spaß dabei, neue Dinge für mich zu entdecken. Und das weiß Amazon nicht. Noch nicht. Und ich erzähle jedem, der es h??ren mag, dass ich die Arctic Monkeys für die größte Band seit Oasis halte, und Amazon darf mir dann auch ruhig Angebote in der Richtung schicken. Das bedeutet nämlich nichts. Gar nichts. Was etwas bedeutet, ist, dass ich meine Schilder nach draußen stelle und sage: seht her, das bin ich, ich bin Deutschland und der singende, tanzende Abschaum der Welt, und zumindest einen Teil von mir könnt ihr hier ausgiebig betrachten und - wichtig! - kommentieren. Viel Spaß dabei, und hey: mach mit!

Ab und zu stelle ich mir vor, die Menschen auf der Straße hätten so Tafeln umhängen, auf denen stände dann: "Ich, 46, Hartz IV, Fan von Abba und stehe auf Rambo, Nylon und die Bild."
Wie leicht wäre es, mit diesem Menschen ins Gespräch zu kommen. Ob es/sie denn die politische Aussage von "Rambo" kenne und warum die Bild ein wirklich gefährliches Instrument ist. Zum Beispiel.

Bloggen bedeutet auch, Dinge für sich zu behalten, die in ihrer Privatheit dann einmal mehr bestätigt werden. Blogge ich etwas nicht, wird mir klar, dass das nur mir gehört, mir ganz allein. Ihr müsst nicht wissen, dass und warum, und dass ich da mal und die nicht. Vielleicht blogge ich das eines Tages, aber nicht heute, nicht jetzt. So gesehen ist Bloggen auch ein emotionales Statement zum eigenen Status Quo: Hier bin ich, so und jetzt und das nicht, und ich sage es Euch in euer anonymes Gesicht. Ob Euch das nun passt oder nicht.

Vielleicht scannt mein Handy in 3 Jahren, wenn ich einen Club betrete, erstmal die Prefs der Anwesenden und gibt Laut, wenn dabei ein 25jähriges, brünettes Mädel ist, das auf Punk, Filme und Skifahren steht, und Pre-Silverage-Ausgaben von Marvel-Comics besitzt. Vielleicht bekomme ich von ihr eine SMS, weil ich genau dieselben Prefs habe, und vielleicht sind wir uns sympathisch. Vielleicht auch nicht, aber das ist nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, dass wir mit Hilfe dieser neuen Kulturtechniken keine anonyme Masse mehr darstellen, sondern im urbanen Durcheinander Kontur annehmen, ein Gesicht bekommen. Ein virtuelles Abbild unserer Persönlichkeit, die mal mehr mal weniger mit der Realität übereinstimmt. Mit Bloggen hat das dann vielleicht nicht mehr viel zu tun, aber damit hat es angefangen. Damit, dass Menschen im Web regelmäßig davon erzählten, wer sie sind, was sie tun und was sie gerne haben. Damit, dass Menschen ihr eigenes Fanzine schrieben und gestalteten. Ein Fanzine, gewidmet ihnen selbst.

Tags: Blogs FreeSpeech

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