Spacemetal Crash Down

30. Januar 1940, 20.24 Uhr
Heute abend ist ein Komet in unseren Vorgarten gekracht. Hat sich 5 Meter tief in die Erde gebort, die beiden Küchenfenster sind zerbrochen, zum Glück waren Mandy oder die Kinder nicht im Raum, es hätte sonstwas passieren können. Die verdammten Nazis haben uns das eingebrockt, da bin ich mir sicher. Diese Raketenexperimente, wer weiß, wen (oder was?) sie damit anlocken. Und jetzt liegt dieses Drecksding in unserem Vorgarten vergraben. Ich werde mich morgen darum kümmern, heute abend sind wir bei den Saunders eingeladen, die haben sich tatsächlich so ein neumodisches Ungetüm angeschaft, das irgendwie elektrische Bilder anzeigen kann. Der Fortschritt Mann, hoffentlich haben die auch genug Bier im Haus, die feinen Pinkel trinken aber wahrscheinlich eher Wein. Was solls, Mandy meint, wir sollten an unserem "gesellschaftlichen Status" arbeiten. Weiber.

31. Januar 1940, 7.58 Uhr
Robby benimmt sich sehr seltsam, gestern Nacht hat er seine Schwester gebissen. Er hat sie richtig gebissen, tief, bis aufs Blut. Er ist ganz plötzlich einfach aufgestanden, mitten in der Nacht, und biss sie in den Arm. Barbara hat natürlich wie verrückt geweint, ich musste mich aber erst um Robby kümmern (Mandy stillte in der Zwischenzeit Babs' Blutung und machte einen provisorischen Verband), der aus irgendeinem Grund, der sich mir nicht erschließt, über Nacht den Verstand verloren haben muss. Er hat auch eine Verletzung am Knie. Ich schätze, er ist gestern abend nochmal rausgeklettert (das Kinderzimmer ist im zweiten Stock! Er macht das öfters, klettert aus dem Fenster, hangelt sich am Baum bis zum Erdboden runter, der Bengel! Hut ab!) und hat diesen Kometen inspiziert.
Vielleicht ist er verrückt geworden, wegen der ganzen Weltraumgeschichten, die er liest, und jetzt liegt so ein Weltraumding bei uns im Vorgarten, und da rastet er aus! Aber deshalb muss er doch seine Schwester nicht beißen! Der verdammte Rotzlöffel, wenn der sich wieder beruhigt hat und ich ihn losbinden kann, setzt es eine Tracht Prügel die sich gewaschen hat!
Mandy ist mit Barbara zu Doc Halloway, 3 Straßen weiter. Der Doktor wird Babs Arm schon wieder herrichten, so wie er meinen Arm nach diesem denkwürdigen Baseballspiel 1937 wieder hergerichtet hat. Was war das für ein Tag, ich habe euch davon erzählt.

31. Januar 1940, 11.21 Uhr
Wegen der Ereignisse letzte nacht war ich heute morgen zu erledigt, um mir dieses Ding im Garten anzuschauen. Ich habe bis geschlagene 11 Uhr geschlafen. Rob hat sich immer noch nicht beruhigt, er liegt einfach da, festgebunden ans Bett im Gästezimmer, und schaut einen mit boshaftem Blick an und fletscht die Zähne, sobald man die Tür öffnet. Ich werde mit ihm heute mittag zum Doc gehen, mal sehen was der sagt, aber erstmal schaue ich mir das Ding im Garten an, ich erzähle Euch gleich davon, erstmal was essen und dann raus.

31. Januar 1940, 14.33 Uhr
Dieses Ding, der Komet, ist ein Klumpen Metall mit komischen Stübchen und Plättchen und Dellen, mehr nicht. Ich hätte mehr erwartet, blinkende Lichter vielleicht. Aber nein, nur ein Haufen Metall, und ticken tut der auch, tick tick tick. Man hört es nur, wenn man ganz nahe an das Loch geht, und ganz gespannt hinhört. Tick Tick Tick. Wie eine Bombe. Vielleicht haben Marsmenschen diesen Kometen zur Erde geschossen, und dies ist der Anfang ihrer Invasion? Überhaupt: wo bleibt eigentlich die verdammte Armee? Da landet so ein Stück Metall aus dem Weltraum bei mir im Vorgarten, suchen die das gar nicht? Vielleicht sollte ich beim Stützpunkt anrufen. Jetzt kümmere ich mich aber um Robby.

31. Januar 1940, 19.51 Uhr
Als ich heute mittag ins Gästezimmer kam (ich hatte Robby sogar ein Glas Milch und ein Stück Roastbeef mitgebracht, dass ich ihm zum Mittag bereitet habe, auch wenn er verrückt geworden ist, muss er irgendwann etwas essen!), hatte sich Robbie immer noch nicht beruhigt. Als ich mich ihm näherte, zerrte er wie ein Berserker an seinen Fesseln, trat mir sogar das Tablett mit dem Essen aus der Hand, so dass der Teller und das Glas auf dem Boden zerplatzten, wunderbar.
Mandy ist vor 2 Stunden vom Doc zurückgekommen, Babs hat einen fetten Verband am Arm und sieht ganz blaß aus, die Arme. Sie bringt kaum ein Wort raus, Mandy bringt sie jetzt ins Bett, dann werden wir darüber reden, was wir mit Robby machen. In seinem Zustand können wir Robby natürlich nicht losbinden. Ich werde wohl morgen früh zum Doc laufen müssen, und mit ihm einen Hausbesuch vereinbaren. Vielleicht kommt er auch gleich mit zu uns, wenn ich ihm einen Good Ole Jackie anbiete, der alte Schluckspecht.

1. Februar 1940, 15.02 Uhr
Ich ging so gegen 8 Uhr zum Doc, der Alte kam auch gleich mit, hat sowieso nicht mehr soviele Patienten wie früher, seit sie das Krankenhaus drüben in Lawrence gebaut haben. Dem Doktor habe ich erstmal einen Drink eingeschenkt, damit seine Hände nicht so sehr zittern, da hat er sich gefreut. Kommt glaube ich nicht mehr oft vor, dass der Alte was zu lachen hat. Seine Frau ist ein wahrer Drachen und scheißt ihn von morgens bis abends zusammen, da bin ich doch richtig froh, dass ich meine Mandy habe.
Aber zurück zum Doc. Der hat im Gästezimmer Robby begutachtet und konnte sich auch nicht erklären, was mit ihm los ist. Er versuchte Rob ein Beruhigungsmittel zu geben, aber Rob hat ihn einfach in die Hand gebissen. Der Junge wird richtig gemeingefährlich, was ist nur mit ihm passiert? Er hat seit 2 Tagen nichts mehr gegessen, und Hunger hat er ja scheinbar auch, aber vernünftig werden will er deshalb trotzdem nicht. Verdammter Rotzlöffel. Der Doc meint, wir sollten ihn ins Krankenhaus schaffen. Wir haben aber kein Auto. Vielleicht können uns die Saunders da weiterhelfen. Die haben sogar zwei, verdammte Geldsäcke. Seit Mike diesen deutschen Geschäftsmann aus New York kennengelernt hat und mit ihm diese neumodischen Rechenmaschinen (groß wie drei Autos! Und was können Sie? Zählen! Warum bezahlt für sowas jemand Geld? Die Welt ist verrückt geworden!) nach Europa verschifft, schwimmen die Saunders in Geld.
Babs hat sich der Doc auch nochmal angeschaut, sie hat aber geschlafen. Er meinte, sie hätte einen sehr niedrigen Blutdruck und sähe auch sonst sehr erschöpft aus. Ich schob das auch das Chaos der letzten Tage, damit war auch der Doc zufrieden und sagte, er komme morgen nochmal vorbei. Mandy ist schnell zu den Saunders rübergelaufen und fragt, ob die nachher mit uns und Robby zum Krankenhaus fahren könnten. Ich hoffe, sie tun uns den Gefallen, er macht mir langsam WIRKLICH ernste Sorgen.

1. Februar 1940, 23.44 Uhr
Babs ist tot. Mir fehlen im Moment die Worte, morgen vielleicht mehr.

2. Februar 1940, 9.37 Uhr
Babs lebt! Aber der Reihe nach.
Wir fuhren gestern nachmittags noch mit den Saunders zum Krankenhaus. Mike hat Rob losgebunden, während ich ihn auf dem Bett festhielt. Ich konnte den Bengel kaum bändigen und ständig hat er versucht, mich zu beißen. Zu zweit trugen wir ihn die Treppe herunter und schafften ihn ins Auto, fragt nicht wie, aber irgendwie haben wir es geschafft. Mike und ich saßen also hinten, um Robby festzuhalten, wärend Missus Saunders fuhr (wir nennen sie nur Missus, Saundy Saunders klingt wirklich zu bescheuert) und Mandy auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Im Krankenhaus haben sie Robby erstmal auf einem Bett fixiert und stellten dann verwundert fest, dass Rob weder atmet noch einen Herzschlag besitzt. Er ist tot, sozusagen. Also ich halte die Ärzte für dämliche Idioten, die einen Lebenden nicht von einem Toten unterscheiden können. Nun ja.
Wir ließen Robby erstmal im Krankenhaus, wenn man irgendwo etwas für ihn tun kann, dann hier. Als wir nach Hause kamen, sah Mandy zuallererst nach Babs und nach ungefähr einer Minute hörte ich ihren Schrei durchs Haus gellen. Babs lag auf dem Bett, es sah aus als würde sie schlafen. Nur die schluchzende Mandy neben ihrem Bett machte mir klar, das Babs nie mehr aufwachen würde. Ich setzte mich neben ihren kleinen Körper und fühlte nach ihrem Puls. Nichts. Atmung? Nichts. Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und so saßen wir dann 2 oder 3 Stunden da, Mandy auf dem Boden, ich auf dem Bett. Wir haben nicht miteinander gesprochen, habe uns irgendwann einfach nur an den Händen gehalten und sind dann zu Bett gegangen.
Mitten in der Nacht öffnet sich die Tür und Babs kommt ins Zimmer gewankt. Mandy hat einen leichten Schlaf und ist sofort aufgeschreckt, wovon wiederum ich aufgewacht bin. Babs lebt! Aber jetzt ist sie wie Robby! Nur leichter festzuhalten. Diesmal werden wir nicht so lange warten, sondern sofort mit ihr ins Krankenhaus fahren (wir werden kurz beim Doc vorbeischauen, und ihm berichten), vielleicht haben die Ärzte schon herausgefunden, was mit Robby nicht stimmt und können Babs sofort helfen. Jetzt gehe ich erstmal zu den Saunders, wir werden noch einmal Missus' Fahrkünste brauchen.

2. Februar 1940, 22.57 Uhr
Ärzte sind verdammte Idioten. Als wir vorhin beim Doc vorbeischauen wollten, war die Tür verrammelt. Nichteinmal sein verdammter Hausdrachen hat sich blicken lassen. Naja. Im Krankenhaus machten sie mit Babs zunächst das gleiche wie mit Rob und fixierten sie ans Bett. Auch bei ihr stellten sie einfach mal fest, sie sei tot. Lächerlich. Robbys Zustand ist noch genau so, wie letztes mal. Er hat schon 3 Schwestern und den Oberarzt gebissen, geschieht ihnen Recht, wie soll ein Toter Schwester beißen können? Ärzte sind verdammte Idioten.

3. Februar 1940, 15.21 Uhr
Mandy ist heute bei Babs und Rob im Krankenhaus. Ich habe mich heute morgen um die Fenster gekümmert, wir hatten kein zwar kein passendes Glas da, ich habe aber die Bretter aus dem Verschlag hinter dem Haus vor die Löcher in der Mauer genagelt, jetzt wird es zumindest nicht mehr sooo kalt im Erdgeschoss und wir können ein paar Brickets sparen. Ohne die Kinder und Mandy ist es zu ruhig im Haus, also gehe ich zu Doc Halloway, um mal nach dem Rechten zu schauen. Beim ihm macht aber immer noch keiner auf, obwohl ich schwören könnte, Geräusche in seiner Praxis gehört zu haben. Er wird wohl wieder gesoffen haben, der Alte.

3. Februar 1940, 18.30 Uhr
Babs hat Mandy gebissen. Es war aber nicht sehr schlimm, ein paar kleine Bissspuren am Mittelfinger, und im Krankenhaus war sie ja schon. Die Schwester hat ihr sofort ein Pflaster gegeben, und damit war die Sache erledigt.
Als sie heimkam, hat sie sich sofort hingelegt, sah auch sehr blass aus. Aber fahrt ihr mal die ganzen 48 Meilen nach Lawrence mit dem Bus, dann seht ihr aber auch blass aus. Ich werde heute abend auf ein Bier rüber zu Mike gehen und in diesen Fernseher schauen. Verdammt große Leistung! Elektrische Bilder! Und man experimentiert schon mit Farbe! Bald wird man die gesamte Welt in der Hosentasche mit sich herumtragen, soviel sage ich euch!

4. Februar 1940, 5.23 Uhr
Mandy hat mich eben gebissen! Ich schlief den Schlaf des Gerechten, als mich der brennende Schmerz am Oberarm aus meinen Träumen riss. Mandy hockte mit blutverschmierten Lippen neben mir und kaute auf einem Fetzen Fleisch, dass ich dank der schwarzen Stoffreste als meines identifizieren konnte. Das Blut floss nur so aus mir heraus, man glaubt es nicht. Sofort sprang ich aus dem Bett, schloss die Tür hinter mir ab und rannte ins Badezimmer. Sind denn jetzt alle aus meiner Familie zu scheiß Kannibalen geworden?
Sich selbst einen Verband anzulegen ist gar nicht so leicht, kann ich euch sagen, aber irgendwie habe ich es dann hinbekommen. Die Blutung hat mittlerweile aufgehört, und Mandy ist jetzt genauso krank wie Robby und Babs. Ich denke, dass ist ein Virus. Das sollte man den Ärzten vielleicht mal verklickern.
Jetzt sitze ich in Verband, 3 Pullovern und Jacke gewickelt in der Küche - es ist trotz der gestopften Löchern saukalt! - und trinke ein Bier. So früh habe ich noch nie getrunken, heute brauch ich das aber. Meine Familie ist krank, meine Frau hat mich gebissen, meine Kinder knabbern sich durch die Belegschaft des Krankenhauses. Da kann doch was nicht stimmen. Das ist bestimmt ein verdammter Virus. Ich trinke glaube ich, noch ein Bier. Ich fühle mich schon ganz elend.

4. Februar 1940, 10.02 Uhr
Etwas stimmt nicht. Mandy schlägt kraftlos, aber regelmäßig gegen die Tür, ich bin aber nicht in der Verfassung, sie auch noch ins Krankenhaus zu schaffen. Ich ühle mich völlig schlapp, ich friere, trotz der 3 Pullover. Und Hunger habe ich auch.

4. Februar 1940, 11.12 Uhr
Irgendetwas stimmt ganz und gar nicht mit mir. Mein Oberarm schmerzt wie verrückt, es pocht, und auf meiner Schulter breiten sich schwarze Fäden aus, anders kann ich es nicht beschreiben. Dunkle Fäden wandern von der Wunde aus über meinen Körper, schwarzes Blut malt die Äderchen auf meiner Haut nach, sieht aus wie eine Tätowierung von einem Baum, dessen kahle Ästelung sich in der weißen Winterlandschaft abzeichnet.
Der Doc ist nicht da. Die ganze Gegend sieht heute sehr verlassen aus. Keine Sau auf der Straße, im Haus vom Doc sehe ich sich bewegende Schatten, der Alte hat sich also wieder ins Koma gesoffen und wankt jetzt durchs Haus wie ein verdammter Penner. Ich muss also alleine damit fertig werden. Mike und Missus sind auch nicht da, sie sind weggefahren, wohin auch immer. In der Ferne, im Norden, sieht man Rauch aufsteigen. Als ich zurückkomme starre ich kurz auf diesen verdammten Klumpen Metall aus dem Weltraum. Der tickt immer noch. Tick. Tick. Tick. Die seltsamen Stübchen und Plättchen und Dellen glotzen mich an und machen Tick. Tick. Tick. Es klickt in meinem Kopf und ich kotze in den Vorgarten, ich muss mich hinlegen.

4. Februar 1940, 11.47 Uhr
Mein Cousin aus New York hat eben angerufen, ist Vater geworden. Der kleine George wird einmal ein ganz großer, da sind wir uns beide sicher. Ich wimmle ihn trotzdem ab, mir geht es so elend, mir ist kalt, meine Schulter ist schon ganz schwarz und die Fäden überqueren grade meinen Brustkorb. Ich möchte nicht wissen, wie mein Rücken aussieht. Ich trinke noch ein Bier, das beruhigt.

4. Februar 1940, 13.59 Uhr
Draußen gehen seltsame Dinger vor sich. Menschen rennen durch die Straßen, Menschen torkeln durch die Straßen. Manche haben faustgroße Wunden an den Körpern, manche haben Blut im Gesicht, manchen fehlen komplette Gliedmaßen. Ich kann nicht richtig denken, irgendwo explodiert etwas, es klopft an der Hintertür, etwas schlurft hinter dem Haus. Vorhin haben die Scheiben im Schlafzimmer geklirrt, ich bin aber zu fertig um nachzusehen, in meinem Zustand hätte Mandy mit mir auch leichtes Spiel und würde sich wohl noch einen Happen von mir gönnen. Ich bin zu müde, so müde, werde mich schlafenlegen. Was geht hier vor? Ich bin müde und mir fallen die Augen zu. Ende.

4. Februar 1940, 16.21 Uhr
Ein befreundeter Pfarrer hat einmal zu mir gesagt: Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, wandeln die Toten auf der Erde... Und nun ratet mal was mir eben passiert ist. Der verdammte Petrus hat mich an der Himmelstür abgewiesen. Zu voll, Alter, hat er gesagt, die Pottsau, und hat mich wieder weggeschickt. Also bin ich zurückgekommen, hierher zu Euch. Ihr seht aus wie ein fettiger, saftiger Cheeseburger. Und ich habe HUNGER!

George A. Romero, Regisseur und Autor von Night of the Living Dead, Dawn of the Dead, Day of the Dead und Land of the Dead (und vielen anderen Perlen) wird heute 66 Jahre alt.
Herzlichen Glückwunsch, George.