Die Sause

Es ist der 30. April 1993. Die Eltern sind weggefahren und kommen nicht vor Montag zurück, Zeit genug also, mal so richtig auf die Kacke zu hauen und das Ganze hinterher wieder wegzuräumen. Die Tickets haben wir uns schon 2 Monate vorher gesichert. Es ist Mayday.

Der Fahrer bin ich, klar, der eine von den Zweien mit Führerschein. Thomas, der andere mit the Führerschein, ist schon da, hat 2 Sixpacks dabei, die aber nicht lange halten. Vorsicht mein Lieber, es wird eine lange Fahrt nach Dortmund. Scheiß auf Vorsicht, Mann! Ich bin 19, mich hält nichts auf, auch keine 2 Sixpacks. Kurz nacheinander treffen die anderen ein, Jens, Sasch, Udo, Flo und Alex. Bei dem Gedanken, den Benz Vaters aus der Garage zu holen, stutze ich kurz und denke an die Kilometer, die nachher sicherlich auf dem Zähler ablesbar sein werden. Das Stutzen hält uns nicht auf, und auch nicht lange an, Gedanken an die Folgen und Konsequenzen werden von einem 19jährigen Gehirn zwar ausgemalt, aber dann auch ganz schnell weggewischt. Wir haben die Pillen, die Acids, das Speed, den Shit und die Eintrittskarten. Und wir haben den Benz, zumindest für dieses Wochenende. Und wir haben die Weiber, die Jena, die Steffi. Die werden wir gleich abholen, aber erstmal einen Joint für unterwegs.

Jens nimmt erstmal ein Acid, der Verrückte. So ist er drauf, der Junkie, ist aber auch unser Supplier. Hat also unseren Respekt. Und wenn nicht den (denn sind wir ehrlich: von Musik versteht er nichts), dann doch unser kollektives Bewusstsein, dass es ohne ihn nichts zu schlucken/sniffen/rauchen gäbe. Er gibt auch erstmal eine Runde Lines aus, da bin ich dabei. Die lange Fahrt, da muss ich erstmal hoch. Ich fühle mit einer Mischung aus Abscheu und Vorfreude die Chemie in meinem Hals, als das Speed meine Nasenschleimhaut dazu nutzt, um in meinem Gehirn genügend Endorphin freizusetzen der verdammte Ruler der nächsten 2 Stunden zu werden. I rule, Line sei Dank! Jetzt bloß nicht an dem angebotenen Joint ziehen, Schnelles und Haschisch verträgt sich bei mir gar nicht. Gar nicht. Upper und Downer entfachen in meinem Hirn einen Tornado, der meine komplette Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit klopfendem Herzen und zufallenden Augen beobachte ich dann meine Umgebung, unfähig, zum Geschehen auch nur das geringste Etwas beizusteuern. Nein, dafür ist jetzt noch nicht der Zeitpunkt gekommen, das wartet später. Jetzt bin ich Burner, mit Benz, und fahre mit der Meute auf die Mayday.

1. Mai 1993, 1:17 Uhr
Jens, der Versager. Hat zwar alle Drogen, aber keine Ahnung. Er sitzt seit 3 Stunden auf der Tribüne und schaut auf das Treiben der zwanzigtausend Raver unter ihm. Beeindruckend, schon wahr. Aber wie kann man mit 5 Pillen auf seinem Arsch sitzenbleiben? Er hat keine Ahnung. Er fühlt es nicht. Moby spielt gerade, ein junger Act auf New York, der mit seiner „Thousand Beats“-Platte für einiges Aufsehen sorgte in der Szene. Eine grandios einfache Idee: nimm ein Sample, unterlege es mit einer Basedrum und beschleunige das Ganze von 120 aus 1000 Beats per Minute. Die Extasygesichter leuchten, die Körper vibrieren. Ich gebe dem Rollstuhlfahrer vor mir Fünf, weil ich toll finde, dass der da ist. Steffi bekommt nichts mit, Acid ist sie nicht gewohnt und das Beatgewitter übersteht sie nur in meinem Armen auf dem - für heute - größten Dancefloor der Welt. Als sich Moby zum Abschluß auf sein Keyboard stellt und seine Jesuspose abzieht sind wir sicher: von dem wird die Welt noch hören.

Die Berlin-Gang ist jetzt dran, zuerst Marusha, die ihren Hit „Somewhere over the Rainbow“ gleich als erste Platte spielt. Angewiedert ziehen wir uns auf die Tribüne, auf der Jens uns mit einem Joint erwartet, zurück und sehen zu, wie die Techno-Szene untergeht. Menschen in Müllwesten bestückt mit Trillerpfeifen wedeln ihre Arme zu den dämlichen Beats von Marusha und DJ Dick, wir beginnen zu ahnen, wo alles enden wird. Aber noch ist es nicht soweit, noch sind Scooter und ATB in weiter Ferne, heute zählen nur die Lasershow, der Rave, die Pillen, Steffi und Jeff Mills. Westbam, als dritter der Berliner Runde rettet dann noch die Reputation des Mainfloors, spielt sogar „Monkey say, Monkey do“, seinen größten, und wie sich (mit Recht) zeigen wird, einzigen internationalen Hit. Es ist nun 4.30. Jeff Mills beginnt mit seinem Set.

Ich tanze. Ich schwitze. Steffi hat ihren Trip überwunden, tanzt mir gegenüber. Wir zucken, wir schwitzen, wir tanzen. Tanzen. Ein Set von Jeff Mills zu hören ist das eine, es zu sehen das andere, es zu beschreiben fast unmöglich. Später lernte ich, der Mann hat auch schlechte Tage, heute gehörte aber nicht dazu. Ein Derwisch von 170cm Größe, dünn, fast dürr, die Wurzeln dieses DJs liegen im HipHop. Er fegt Tracks im 30-Sekunden-Takt über die 3 Plattenspieler, er wirft die Platten einfach hinter sich, hat sogar einen Assistenten, der sie hinter ihm einsammelt. Ein Feuer, ein Brand, den oder das nur er zu entfachen vermag. Wir schwitzen, wir tanzen, der Break. Nur er wagt es, knüppelharte Bretter mit sanften Trancebreaks zu unterbrechen, die nach 15 Sekunden von seltsamen Samples und wieder von knüppelharten Beats abgelöst werden, mischt Jackhouse-Tracks aus Chicago mit Sachen von Cosmic Baby. Er ist THE DJ. Er gibt Techno intellektuelle Größe, zelebrierte die gleichzeitig organische wie mathematische Natur dieser Musik. Danach ist es vorbei. Die Acid Junkies können danach einfach nur blaß klingen, was sie auch tun. Es ist 8.34, Zeit für einen Joint. Zeit, den Rückzug anzutreten.

Jens sitzt tatsächlich noch auf dem Platz, den er um 22.37 Uhr eingenommen hat. Später wird er allen erzählen, wie toll dieser Rave doch war, und wie sehr er gefeiert hätte. OMG. Wir sammeln unsere Leute ein, Jena und Flo aus dem Chill-Out-Room, Sasch und die anderen vom Mainfloor, gehen zum Ausgang. Keine weiteren Vorfälle, nur ist der Benz komplett eingeparkt. Das Szenario sieht so aus:

Rechts, links, links vorne, hinten, hintenrechts und hintenlinks stehen parkende Autos. Die einzige Lücke bietet sich also vorne rechts. Und sie ist groß genug. Groß genug heißt: 30 Minuten millimetergenaue Manouvrierung des Benz'. Und ich meine millimetergenau. Seitenspiegel werden umgeklappt, 4 Leute stehen um die Szene herum, wedeln mit den Händen. Ich schaffe es. Ich habe ausgeparkt aus THE unmögliche Park-Konstellation. I rule!

Bei Thomas rauchen wir später noch 5 bis 10 Pfeifen zum runterkommen, ich bin danach komplett im Arsch. Selbstverständlich bemerkt mein Vater später den Kilometerverschleiß an seinem Spielzeug, Ausreden helfen nicht, es ist 2 Wochen lang dicke Luft. Aber sie hat sich gelohnt, die Luft. Danach war alles anders. Alles.