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Normalerweise feier ich sowas ja in meinen Delicious-Links ab, aber der hier ist zu gut, um in der Sidebar zu verhungern:

André Glucksmann, französischer Philosoph, analysiert in einem Interview mit Telepolis ausgehend von den French-Riots das Phänomen des Hasses unserer Zeit. Grandios!

Die Revoltierenden in Frankreich stilisieren sich als Opfer. Unsere Soziologen liefern ihnen dafür auch wunderbare Rechtfertigungsgründe. Aber es bleibt trotzdem unwahr. Viele von ihnen kommen aus den Maghreb-Staaten. Wenn sie einmal ihre Verwandten in Algerien besuchen und denen erzählen, wie furchtbar schlecht es ihnen in Frankreich geht, dann bekommen sie aber was zu hören! Die sagen ihnen nämlich ganz schnell: Wir können ja tauschen. Darauf lassen sie sich natürlich nicht ein. Aber sie beharren trotzdem darauf, sie seien die ärmsten Menschen der Erde.

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Weil ich der Ärmste der Welt bin, habe ich nichts mehr zu verlieren, also kann ich alles in Brand stecken, zu allererst den Anderen. Der Selbsthass verwandelt sich in Hass auf den Anderen. Dies ist nicht das Gleiche wie Feindseligkeit: Feindschaft gibt es immer. Aber auch den Feind achtet man. Da geht es um den Willen zur Macht, um Kolonialismus, um Rassismus. Man hat auch immer schon viele Wagen in Brand gesteckt. Das ist nichts Neues. Im vorigen Jahr sind in Frankreich 28.000 Autos angezündet worden! Das Neue ist, dass man nun auch Busse anzündet, in denen Menschen sitzen.

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Das dritte Studium des Hasses verkörpert Brunhilde in Wagners Götterdämmerung: der Weltenbrand, die Lust an der selbst herbeigeführten Katastrophe. Wagner hat dazu wunderbare Musik geschrieben. Aber ihm fehlen die Worte. Das hat der Komponist Karl-Heinz Stockhausen auch so gesehen, als er den Anschlag auf das "World Trade Center" als "Gesamtkunstwerk" bezeichnete. So sehen das auch die Jungen in den Banlieues. Sie spielen. Sie freuen sich. Sie fabrizieren jeden Abend ein Gesamtkunstwerk. Und sagen: "Hier ist Bagdad".

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Was ist es, das diesen Hass hervorbringt?

André Glucksmann: Es gibt ihn in allen Gesellschaften, nicht nur in unserer. Der Hass hat seine Wurzeln nicht in der Gesellschaft, sondern in der menschlichen Natur. Es gibt kein "Warum?" Die Erklärung für den Hass ist der Hass. Als Primo Levi in Auschwitz einen Nazi fassungslos fragte, warum das alles passiere, antwortete der: "Hier gibt es kein Warum." Kant spricht davon, dass es das Böse von Anfang an gibt. Man muss deshalb kein Skeptiker und kein Pessimist sein. Denn wenn der Hass von Beginn an existiert, gibt es doch auch sein Gegenteil.