Chuzpe, Mann!

28.10.2005 Misc #Storys

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Gestern Abend am Bahnhof bin ich Rumpelstilzchen begegnet. Es hatte sich den Bart abrasiert, stand einsam und verlassen vor Gleis 17 und schrie um Hilfe, vielleicht wegen des abrasierten Bartes, vielleicht aber auch nicht. Mit einem Koffer vor sich und einer Tasche in der Hand stand das Stilzchen also ziemlich fertig und gerade von einem ICE ausgespuckt da und schrie „Was das für Zustände in Deutschland. Ich Sitzplatz bis 2 Uhr nachts!‘
Für Frankfurt typisch kümmerte sich um das arme Stilzchen keine Sau. Typisch für mich ging ich nach 3 Verwunderungssekunden auf das Stilzchen zu, dass in Echt ja einfach ein sehr kleiner und sehr dicker Mann war. Also, wirklich sehr klein: so Einsfuffzich - und wirklich sehr dick: so Hundertkilo.
Wie sich herausstellte kam das Stilzchen grade aus Israel, war herzkrank (Hundertkilo auf Einsfuffzich sind kein Pappenstiel, mein Lieber!) und orientierungslos und wollte sich einfach nur setzen. Zur Entschuldigung der Frankfurter muss ich hinzufügen, dass das Stilzchen wirklich nicht sehr umgänglich, eher aber das Gegenteil war.
So what, ich hab mir seinen Koffer geschnappt und bin weggerannt mit ihm zum Aufenthaltsbereich gegangen, der ja in Wirklichkeit eher wie eine Art Aufenthaltsgatter aussieht - genau wie Raucherbereiche in Flughäfen -, wo er dann sehr sehr fertig auf die Bank geplumpst und fast sofort eingeschlafen wäre, hätte die liebe Polizei nicht seine Hilfeschreie gehört.
Die anrückende Hundertschaft Dreischaft Polizei, die wissen wollte „Ob Sie denn um Hilfe gerufen hätten?“ und „Was denn los sei?“ beruhigte ich, nachdem Rumpelstilzchen schon wieder gefährlich ausfallend wurde, mit „Kennt sich hier nicht aus“, „Fertig von der Reise“ und „Lassensedendoch“. Die eine Polizistin war sogar recht hübsch.
Zum Abschied sagte das Stilzchen dann: „Junge, Du der einzige mit Chuzpe hier! Danke!“.
Da dachte ich, daß das Leben doch gar nicht so übel und helfen wirklich wie wichsen ist!